Hand in Hand - Internationaler christlicher Lehr- und Hilfsdienst
Prophetien

GEORG MÜLLER – SEIN LEBEN UND WERK
Kapitel „Wort Gottes und Gebet“
Von Arthur T. Pierson

 
Im Anfang des Jahres 1838 begann Georg Müller jenes dritte Lebensbild zu lesen, das ebenfalls wie das von Francke und Newton einen ganz besonderen Einfluß auf sein Leben ausüben sollte – das des großen Evangelisten Whitefield. Dieses wurde von Gott dazu gebraucht, Georg Müllers Geistesmacht in Predigt und Seelsorge zu mehren. Man kann sagen, daß die drei Lebensbilder zusammen in unverkennbarer Weise seinen ganzen inneren und äußeren Lebensgang beeinflußt haben. Franckes Beispiel hat ihn zum Glaubensgebet und in ein Werk geführt, das ganz allein von Gott abhängig war. Newtons Zeugnis von der Gnade Gottes hatte ihn veranlaßt, seinerseits ein Zeugnis von dieser selben Liebe und Barmherzigkeit in seiner „Erzählung der Taten Gottes“ niederzulegen. Whitefields Erfahrung trieb ihn zu größerer Treue und größerem Ernst im Verkündigen des Wortes und zu mehr Vertrauen auf die Macht des Heiligen Geistes.

Ein Eindruck war s besonders, der sich tief in Georg Müllers Herz prägte, daß Whitefields unvergleichlicher Erfolg als Evangelist ganz offenbar zwei Ursachen zuzuschreiben war: nämlich seinem mächtigen Gebetsgeist und seiner Gewohnheit, die Bibel auf den Knien zu lesen. Der große Evangelist des 18. Jahrhunderts war davon durchdrungen, daß er weder das Wort Gottes verstehen noch es anderen mitteilen könne, ohne daß der Heilige Geist ihm beides werde, Licht und Salbung. Er war erfüllt mit dem Heiligen Geist, und dies allein erklärt den Umfang und die Kraft seines Wirkens. Er starb im Jahr 1770 im 56. Lebensjahr. Seine Predigtweise hatte solche göttliche Kraft, daß mitunter 30 000 Zuhörer in atemloser Spannung an seinen Lippen hingen und Tränen über die geschwärzten Gesichter der Bergleute von Kingswood flossen. Georg Müller hat es sich zum Ziel gesetzt, das Geheimnis zu ergründen, wie man bei Gott und Menschen obsiegt. Das Leben Whitefields machte es ihm nun klar, daß Gott allein in ihm das tiefe Erbarmen zu den Verlorenen und das heilig ernste Verlangen, sie zu gewinnen, wirken könne.

Er begann nun auch – und das ist eines der Geheimnisse, denen er den Erfolg seines Dienstes verdankte – das Wort Gottes auf den Knien zu lesen und fand oft großen Segen im stundenlangen Nachdenken und Beten über einen Psalm oder ein Kapitel der Bibel.

Man könnte fragen, ob die äußere Stellung beim Gebet denn so viel ausmache. Eins ist gewiß, daß der, der auf den Knien vor dem Wort Gottes liegt, durchdrungen wird von tiefem Ernst und heiliger Ehrfurcht. Er wird dadurch zur Selbstprüfung geführt, und die Worte des Psalmisten, ob mit dem Mund ausgesprochen oder nicht, werden ihm zum Gebet werden: „Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege“ (Ps. 139, 23. 24). Das Wort, das so mit Ehrfurcht gelesen wird, wird ins Leben übertragen werden und den Charakter umwandeln in das Bild unseres Gottes. Indem wir wie in einem Spiegel die Herrlichkeit des Herrn betrachten, „werden wir verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zu der anderen, als vom Herrn, der der Geist ist“ (2. Kor. 3, 18). Der größte Vorteil dabei ist aber vielleicht der, daß die Heilige Schrift selber uns nun die Worte für unser Gebet in den Mund legt. „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebührt, aber hier ist des Heiligen Geistes eigener Ausdruck, und wenn das Gebet an diesem Vorbild sich übt, irren wir nicht. Hier haben wir Gottes Verheißungen, Vorschriften und Ratschläge, und wir verwandeln diese in Gebet und Flehen mit der Zuversicht, daß wir so nichts verlangen, was nicht Seinem Willen gemäß ist (1. Joh. 5, 14).

Solche Lebensgewohnheiten und nicht vorübergehende Gefühle und Stimmungen waren es, die Georg Müller zu dem machten, was er war.

Selbst in seinen besonders schweren Trübsalen kam er nach solchem Gebet in die Stellung zum Herrn, daß der Wille Gottes ihm süß und lieblich wurde. Er konnte von Herzen sagen, daß er sein Leiden nicht wünsche weggenommen zu sehen, bis Gott den Segen dadurch habe geben können, den es nach Seiner Absicht bringen sollte.

Als er in der Folge Sprüche 3, 5–12 las, fielen ihm die Worte auf: „Sei nicht ungeduldig über Seine Strafe.“ Er fühlte, daß er, obschon er die Zucht des Herrn nicht verworfen hatte, doch zuzeiten ungeduldig darüber geworden war, und bat nun um die rechte Geduld, sie zu tragen.

Oft kehrte er die Verheißungen sofort in Bitten um, in. dem er die ihm geoffenbarte Wahrheit zur Anwendung brachte. So z. B. als er über das Psalmwort nachdachte: „Du erhörst Gebet“ (Ps. 65, 3), erinnerte er Gott sogleich an verschiedene bestimmte Gebetsanliegen. Sich gewisse Gebetsgegenstände aufzuschreiben, um immer wieder darauf zurückzukommen, hat einen heilsamen Einfluß auf das Gebetsleben. Man erinnert sich um so besser der Erhörung, wenn sie eintritt, und sammelt auf diese Weise lebendige Zeugnisse der eigenen Erfahrung, daß Gott für uns persönlich ein Gott ist, der Gebete erhört.

Georg Müller schrieb also bei Betrachtung des genannten Psalmworts acht bestimmte Bitten auf und fügte hinzu: „Ich glaube, daß Er mich erhört hat. Ich glaube, daß Er zu Seiner – der rechten – Zeit offenbar machen wird, daß Er Mich erhört hat , und ich habe diese meine Bittgesuche heute, den 14. Januar 1838, aufgeschrieben, damit, wenn Gott geantwortet hat, Sein Ruhm durch diese Zeilen um so größer werde.“

Der Leser sieht aus allem dem, daß er es eigentlich mit einem Mann von schwachem Glauben zu tun hat, der es aber versteht, das Vertrauen zu Gott zu pflegen und zu nähren und dadurch seinen Glauben zu stärken.

Er benutzt das Versprechen eines Gebet erhörenden Gottes als Stab, um sich in seiner ihm wohl bewußten Schwachheit darauf zu lehnen. Er merkt sich den Tag, an dem er diesen Stab in die Hand genommen, und die besonderen Anliegen, die er als seine Bürden auf Gott zu legen sucht. Hätte Gott ein solches Vertrauen beschämen können?

Während er auf den Knien lag und sich in das Wort Gottes versenkte, wurde ein anderes Mal seine ganze Seele ergriffen durch die Stelle: „Der ein Vater ist der Waisen“ (Ps. 68, 6). Er merkte, daß dies einer der „Namen“ Gottes sei, durch die Er sich Seinem Volk offenbart, damit es Ihm vertraue, wie es in Psalm 9, 11 steht: „Darum hoffen auf Dich, die Deinen Namen kennen; denn Du verlässest nicht, die Dich, Herr, suchen.“

Die obenerwähnten Worte des 68. Psalms wurden Leitworte seines Lebens, einer der Grundpfeiler seines Werks für elternlose Kinder. Er selber schreibt darüber: „Mit Gottes Hilfe soll das mein Beweismittel Ihm gegenüber sein, wenn Stunden kommen, wo wir für die Waisen etwas nötig haben. Er ist ihr Vater und hat sich daher verpflichtet, für sie zu sorgen, und ich muß Ihn nur an die Bedürfnisse dieser armen Kinder erinnern, damit sie gestillt werden.“

Das heißt wirklich die Verheißungen Gottes übertragen nicht nur ins Gebet, sondern auch ins Leben, Arbeiten und Dienen. Das war eine gesegnete Stunde, in der Georg Müller lernte, daß einer der Namen, die Gott sich erwählt hat, lautet: „Der Vater der Waisen.“

Der Glaube an diesen Gott half ihm die Lasten tragen, die zu tragen sonst unmöglich gewesen wären. Auf oft wiederholte Bemerkungen von Besuchern und Beobachtern, denen seine Ruhe bei so vielen Anlässen zur Sorge ein Geheimnis war, hatte er stets die eine Antwort: „Durch Gottes Gnade ist das keine Ursache zur Sorge für mich. Ich habe diese Kinder schon vor Jahren auf den Herrn geworfen. Das ganze Werk ist das Seine, und es gehört sich, daß ich ohne Sorge bin. Wo ich auch sonst noch so schwach sein mag, in diesem Punkt bin ich fähig, durch Gottes Gnade die Last ganz auf meinen himmlischen Vater zu legen.“

Dennoch beklagt es Georg Müller um die gleiche Zeit, daß ihm oft der rechte Ernst im Gebet mangle. Er erkannte, daß „dieser Geistestrieb ganz und gar eine Gabe Gottes ist; aber“, fügt er bei, „mir selber habe ich den Verlust zuzuschreiben“. Er sah ein, daß Gott ungebunden ist im Austeilen Seiner Gaben, aber daß es in des Menschen Hand gelegt ist, sie anzunehmen oder zu verwerfen.

So ist jeder Schritt in Georg Müllers Leben sowohl eine Ermutigung als auch eine Ermahnung für die Mitchristen.

Nach einem kurzen Besuch in Deutschland, den er einesteils gesundheitshalber, andernteils zu Missionszwecken gemacht hatte, und nachdem er mehr als 22 Wochen von seinem Amt entfernt gewesen war, hatte sich sein Kopfleiden zwar bedeutend gebessert, aber doch konnte er noch nicht mehr als drei Stunden des Tages arbeiten. In Deutschland hatte er auch seinen alten Vater und seinen Bruder besucht und mit ihnen über ihr Seelenheil gesprochen. Seinem Vater war dies augenscheinlich zum Segen, und er schien doch endlich zu erkennen, daß ihm das eine Notwendige fehle. Der Abschied von ihm war um so schmerzlicher, als nur wenig Hoffnung vorhanden war, daß sie sich auf Erden noch einmal sehen würden.

Am 13. Juni 1838 gebar seine Frau ein totes Kind, was sie an den Rand des Grabes brachte. Doch erhörte Gott das Gebet um ihre Genesung, und „ihre Tage wurden verlängert“.

Einen Monat später kam eine andere Glaubensprobe für das Waisenwerk. Im Vorjahr hatte man 15 600 Mark in Händen gehabt; nun war diese Summe auf 400 Mark zusammengeschmolzen. Georg Müller und seine Frau, Bruder Craik und ein anderer Bruder, der mit dem Waisenhaus verbunden war, waren die vier einzigen Personen, die den niedrigen Stand der Kasse kannten, und sie vereinigten sich zum Gebet. Georg Müller konnte dabei bezeugen, daß sein Glaube stärker sei als vor Jahresfrist. Das war nicht etwa eine bloße Einbildung, denn trotz der wenigen Mittel und obgleich man in nächster Zeit 600 Mark brauchte, wurden doch sieben weitere Kinder aufgenommen, und es wurde bekanntgemacht, daß man bereit wäre, noch fünf weitere aufzunehmen.

Die Stunde der Prüfung war da – aber noch nicht vorüber. Zwei Monate lang gingen die Beiträge so spärlich ein, daß man für die laufenden Bedürfnisse Tag für Tag, ja Stunde für Stunde das Nötige vom Herrn erbitten mußte. Gott schien zu sagen: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Größere Bezahlungen mußten in Bälde gemacht werden, und noch war nicht ein Pfennig dafür vorhanden. Als dann eines Tages über 80 Mark eingingen, kam Georg Müller der Gedanke: „Warum nicht 60 Mark für den Notfall zurücklegen?“ Aber sofort erinnerte er sich des Wortes: „Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe“ (Matth. 6, 34). Ohne zu schwanken, warf er sich auf Gott und brauchte die ganze Summe zur Auszahlung fälliger Dienstlöhne, worauf er wieder ohne einen Pfennig war.

Um diese Zeit hielt Bruder Craik eine Predigt über Abraham; er hob dabei die Tatsache hervor, daß, solange Abraham im Glauben handelte und nach dem Willen Gottes wandelte, alles gut ging; daß aber, sobald er Gott mißtraute und Ihm nicht gehorchte, das Gegenteil der Fall war. Georg Müller hörte diese Predigt und wandte sie sofort auf sich selber an. Er zog zwei sehr praktische Schlüsse daraus, die in Anwendung zu bringen er reichlich Gelegenheit hatte. Erstens, daß er sich auf keinen Nebenweg oder eigenen Weg einlassen dürfe, um aus der Verlegenheit herauszukommen, und zweitens, daß, je mehr er Gott schon verherrlichen durfte durch Vertrauen, um so größer auch die Gefahr sei, Ihm Schande zu machen.

Nachdem er diese Segenswahrheiten kennengelernt hatte, stellte ihn der Herr auf die Probe, um zu sehen, wie weit er es darauf wagen wolle. Während er in der großen Geldverlegenheit für das Waisenhaus war, hatte er auf der Bank etwa 4400 Mark liegen, die ihm zu anderem Zweck anvertraut worden waren. Er hätte dieses Geld vorübergehend nehmen und so der gegenwärtigen Verlegenheit ein Ende machen können. Die Versuchung, es zu tun, war um so größer, als er die Geber als hochherzige Versorger der Waisen kannte; er brauchte ihnen nur seine Lage zu erklären, und sie würden mit Freuden ihre Zustimmung gegeben haben, daß das Geld verwendet werde, so wie es ihm am besten dünke. Die meisten Menschen hätten den „gordischen Knoten“ auf diese Weise zerschnitten.

Nicht so Georg Müller. Er sah sogleich, daß das ein selbstgewählter Weg wäre, um aus der Schwierigkeit herauszukommen, anstatt die Hilfe vom Herrn zu erwarten. Außerdem sagte er sich, daß daraus eine Gewohnheit werden würde, auf solche selbstgewählten Aushilfsmittel sein Vertrauen zu setzen; das wäre dem Glaubenswachstum hinderlich. Er wollte aber der ganzen Welt zeigen, daß der einzig richtige Weg, Gottes Treue an sich selber zu erfahren und anderen zu beweisen, der ist, auf die Verheißung dieses treuen Gottes zu vertrauen, und zwar auf sie allein.

In dieser Zeit der Not – die vorbildlich war für viele andere spätere Notzeiten – wandte sich dieser Mann, der sich entschlossen hatte, auf Gottes Verheißung hin alles zu wagen, von jeglichen zweifelhaften Hilfsmitteln ab, rang aber dafür mit Gott. Bemerkenswert ist sein Vorgehen dabei. Er braucht Beweismittel im Gebet Gott gegenüber, und dieses Mal zählt er nicht weniger als elf Gründe auf, warum Gott ihn erhören müsse.

Diese Art heiliger Beweisführung – indem wir unsere Sache vor Gott führen wie ein Advokat vor dem Richter – ist eine beinah in Vergessenheit geratene Kunst, ja vielen mag sie sogar kindisch vorkommen. Und doch ist sie in der Heiligen Schrift durch viele Beispiele vertreten. Abraham in seiner Fürsprache für Sodom bietet das erste Beispiel dieser Art. Mose ist ein Meister in dieser Kunst und tritt in manchen kritischen Fällen mit außerordentlicher Geschicklichkeit für sein Volk ein, indem er die Beweisgründe aufführt. Elia auf dem Karmel ist ein anderes Beispiel von der Macht derartigen Gebets. Und wahrscheinlich würden wir, wenn wir mehr ins einzelne gehende Berichte aus der heiligen Geschichte hätten, finden, daß alle die Männer, die es unternahmen, mit Gott zu ringen, wie ein Noah, Hiob, Samuel, David, Jeremia, Paulus und Johannes es ebenso gemacht haben.

Gewiß ist es nicht nötig, Gott zu überzeugen; kein Beweisgrund kann Ihm die Ansprüche vertrauender Seelen auf Sein Eingreifen klarer machen; diese Ansprüche sind in Seinem eigenen Wort begründet und durch Seinen Eid bestätigt. Und doch will Er angerufen und überführt werden. Das ist Sein Weg, zu segnen. Er liebt es, wenn wir vor Ihm unser Anliegen und Seine Versprechungen auseinandersetzen. Er hat Sein Wohlgefallen an unserer wohlgeordneten Beweisführung und den angeführten Gründen. Wie hat der Herr Jesus das hartnäckige Anhalten des kanaanäischen Weibes gelobt, die mit Schlagfertigkeit Seinen eigenen Einwurf in einen Beweisgrund für sich umwandelte! Er sagte: „Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Sie antwortete: „Ja, Herr; aber doch essen die Hündlein von den Brosamlein, die von ihrer Herren Tisch fallen.“ Welch ein Triumph überzeugenden Bittens! Sie fängt den Meister mit Seinen eigenen Worten, wie Er es auch beabsichtigte, und kehrt Seinen scheinbaren Grund, ihrer Bitte nicht zu entsprechen, in einen Grund zur Erhörung um. „O Weib“, sagte Er, „dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst!“ Damit wirft Er ihr, wie Luther gesagt hat, „den Zügel auf den Hals.“

Dieser Fall ist einzigartig in Gottes Wort, und gerade die Weise, wie hier im Gebet ein Beweisgrund geltend gemacht wird, verleiht dieser Geschichte ihre Größe. Aber ein anderer Fall ist ihm ähnlich, der des Hauptmanns von Kapernaum. Als der Heiland versprach, zu kommen und seinen Knecht gesund zu machen, wandte er ein, daß das Kommen nicht nötig sei, da Jesus nur ein Wort sprechen könne, so sei der Knecht gesund. Beachtenswert ist der Grund, den er anführt: wenn er, ein Befehlshaber, der Gewalt ausübt und höherer Gewalt untertan ist, sowohl dem Befehl gehorcht als auch Gehorsam von den Untergebenen erwartet, wieviel mehr konnte der mächtige Heiland auch in Abwesenheit durch ein Befehlswort die heilende Macht ausüben, die in Seiner Gegenwart Seinem Willen unterworfen war! Auch von ihm sagte der Herr gleicherweise: „Solchen Glauben habe Ich in Israel nicht gefunden!“ (Matth. 6, 10).

Wenn wir solchergestalt mit Gott rechten sollen, so geschieht dies aber nicht, um Ihn zu überzeugen, sondern uns selber. Indem wir Ihm beweisen, daß Er durch Sein eigenes Wort und Seinen Eid und Sein Wesen sich verpflichtet hat, uns zu helfen, beweisen wir unserem eigenen Glauben, daß Er uns das Recht gegeben hat zum Bitten und zum Verlangen, und daß Er uns antworten muß, weil Er sich selbst nicht verleugnen kann.

Kein Mann seines Zeitalters ist vielleicht so sehr wie Georg Müller gewohnt gewesen, in der oben beschriebenen Weise mit Gott zu verhandeln; er war einer der wenigen Auserwählten, denen es gegeben war, diese verlorene Kunst, mit Gott zu „rechten“, wieder neu zu erwecken und zu beleben. Und wenn alle Jünger dies lernen könnten, was für ein Zeitalter der Neubelebung würde für die Gemeinde Jesu auf Erden anbrechen!

Es ist herzerquickend, dem demütigen Mann Gottes in sein Kämmerlein zu folgen und zu hören, wie er seine Seele in diesen überzeugenden Beweisgründen ausschüttet, gleichsam damit Gott gezwungen sei, einzugreifen, um Seines Namens Ehre und um Seines Wortes willen.

Das waren Seine Waisen, denn hatte Er sich nicht selbst als der Vater der Vaterlosen erklärt? Das war Sein Werk, denn hatte Er es Seinen Diener nicht geheißen? Was war dieser Diener Gottes anders als ein Werkzeug? Und wenn es Gottes Werk war, war Er nicht verpflichtet, für Sein eigenes Werk zu sorgen? Würde Er es dulden, daß Seine eigene Ehre verdunkelt werde? Schauten nicht die halbgläubige Kirche und die ungläubige Welt darauf, um zu sehen, wie der lebendige Gott zu Seiner unveränderlichen Verheißung stehen würde? Sollte Er da nicht, mußte Er da nicht neue Beweise Seiner Treue geben, daß der Mund Seiner Kinder davon zeuge und die Lästerzungen zum Schweigen gebracht, die zagenden Jünger beschämt würden?

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