Hand in Hand - Internationaler christlicher Lehr- und Hilfsdienst
Artikel und Bibelstudien

Autorität und Unterordnung 
(Nach einer Lehre von Pastor Uwe Schäfer)

(Die zitierten Bibelstellen sind der Schlachter-Übersetzung entnommen)

Teil I 
Leiten kontra Unterdrücken
Untertan "als dem Herrn"
Eine Frage des Herzens
Teil II 
Missbrauch von Prophetie
Fragen von Schülern

Teil I

Viele Gemeinden und Werke werden zur Zeit erschüttert, und dabei geht es immer wieder auch um die Frage, wie Leiterschaft richtig ausgeübt wird. Wir müssen uns nicht allein auf die Aussagen und Eindrücke irgendwelcher Propheten oder Leiter verlassen, auch wenn sie bislang noch so viel Richtiges gesagt haben. Gott hat uns sein Wort gegeben!
Epheser 5,18-21 ist eine Bibelstelle, die selten in ihrem Zusammenhang betrachtet wird. Der Apostel Paulus schreibt: “Und berauschet euch nicht mit Wein, was eine Liederlichkeit ist, sondern werdet voll Geistes. Und redet miteinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern; und singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen und saget allezeit Gott dem Vater Dank für alles, in dem Namen unseres Herrn Jesus Christus. Und seid dabei einander untertan in der Furcht Christi.“
Die Bibel unterscheidet nicht zwischen “hochgeistlichen“ und praktischen Themen. Die Bibel vertritt einen Ansatz der “Ganzheitlichkeit der Nachfolge“. Klos zu putzen ist im Dienst für den Herrn nicht ungeistlicher als in Sprachen zu singen oder zu weissagen. Das gehört alles zusammen! Miteinander in Psalmen und Lobgesängen reden und sich einander unterzuordnen hat alles mit Geistesfülle zu tun.
Das Thema Unterordnung setzt bei vielen Christen ein mulmiges Gefühl frei, Angst  vor Missbrauch, Verletzungen und Freiheitsentzug, oft begründet durch schlechte Erfahrungen. Dagegen möchte ich heute etwas tun, weil Angst ein schlechter Berater ist. Die Bibel sagt zu oft: “Fürchtet euch nicht!“, als dass Angst unser Berater sein dürfte.

Leiten kontra unterdrücken

Ich möchte nun einige Thesen entwickeln, worum es bei Leiterschaft eigentlich geht. Leiterschaft hat nichts mit Unterdrückung zu tun, sondern... - und dann wollen wir einige Punkte unter “sondern“ setzen.
In Lukas 22,24-26 äußert sich Jesus darüber, wie Leiterschaft in seiner Gemeinde zu verstehen sein wird: “Es entstand aber auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen für den Größten zu halten sei. Er aber sagte zu ihnen: “Die Könige der Völker herrschen über sie, und ihre Gewalthaber heißt man Wohltäter. Ihr aber nicht also. Sondern: der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Gebieter wie der Diener.“ Der Zusammenhang dieser Bibelstelle ist Jesu Fußwaschung bei seinen Jüngern. Jesus hatte gesagt, er würde gehen. Plötzlich tauchte die Frage auf: “Wer wird denn jetzt der neue Jesus?“ Seine Leiterschaftsposition war ja unumstritten. “Wer ist der Größte? Wem haben wir uns unterzuordnen? Wer spricht als Stellvertreter Christi auf Erden?“
Hier möchte ich die erste These aufstellen:

1. Leiterschaft hat nichts mit Unterdrückung zu tun, sondern mit Dienen

Wer kein dienendes Herz hat und seine Mitknechte liebt, ist nicht zur Leiterschaft qualifiziert. Manche Menschen aus Gemeinden oder Werken, in denen ein sehr totalitärer Leiterschaftsstil gepflegt wird, ordnen sich viele Jahre unter. Sie halten ihren Mund und trauen sich nicht zu reden aus Angst, den Leiter infrage zu stellen. Das ist leider in unseren Kreisen oft noch normal. Miteinander reden darf man auch nicht, denn das ist ja dann “hinter dem Rücken reden“, und dann reden Menschen überhaupt nicht mehr, fressen in sich hinein und werden krank! Solche Mechanismen sind dem Reiche Gottes nicht angemessen. Leiterschaft ist da um der Gemeinde willen, nicht umgekehrt.

2. Leiterschaft hat nichts mit Unterdrückung zu tun, sondern mit Hingabe an Menschen.

Die Hingabe an Gott allein ist nicht genug - wer leiten will, muss Menschen lieben. Ich leite das ab aus Epheser 5,25, aus der sogenannten “Eheordnung“. Doch dieses Prinzip hat auch über die Ehe hinaus Gültigkeit: “Ihr Männer, liebet eure Frauen, gleichwie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und sich selbst für sie hingegeben hat.“ Christus hat einen Leiterschaftsanspruch an unser Leben, weil er sich bedingungslos für uns hingegeben hat. Paulus sagt: “Als wir noch Sünder waren starb Christus für uns.“ Er hat sich nicht abgesichert, ob wir uns dann auch unterordnen würden. Er hat sich uns hingegeben, um ein Angebot zu machen, dass wir unter seine heilsame Leiterschaft kommen dürften. Ich bin immer hellhörig, wenn Leute sagen: “Ich wollte eigentlich gar nicht in den geistlichen Dienst. Der Herr hat mich gezwungen.“ Rein theologisch habe ich da Bedenken. Mein Herr hat mich noch nie zu irgendwas gezwungen! Er hat mich immer zur Unterordnung geliebt. Er hat mich immer wieder zum Gehorsam gelockt. Er gewinnt unser Herz. Er zwingt uns nicht.

3. Leiterschaft hat nichts mit Unterdrückung zu tun, sondern mit Vorbildlichkeit.

Vorbildlichkeit ist einer der stärksten Leiterschaftsansätze der Bibel. Petrus schreibt an die Ältesten der Gemeinde: “Nicht als Herrscher über die euch zugewiesenen Seelen, sondern als Vorbilder der Herde!“ (1.Petr 5,3). Das “Beherrschen“ und das “Vorbild Sein“ wird hier in Kontrast zueinander gestellt. In Bezug auf die Unterordnung gibt es auch eine Vorbildlichkeit. Nur wer vorbildlich unter Autorität ist kann auch glaubwürdig in Autorität sein!
Wenn du als Vater bedingungslosen Gehorsam von deinen Kindern forderst, aber ständig schlecht über den Chef redest oder die Regierung niedermachst, dann werden deine Kinder feststellen, dass du das, was du nach unten einforderst, nach oben hin nicht mal im Ansatz lebst! Ich halte im Reiche Gottes Autorität, die nicht selbst auch unter Autorität ist, für eine illegitime Autorität.
Eine Erziehung nach dem Grundsatz: “Du tust nicht, was ich tue, sondern du tust, was ich dir sage“ ist ein perfekter Nährboden für Rebellion, für Autoritätsverwerfung und für Hass auf Autorität. Der wohltuende Einfluss von Leiterschaft und Autorität sollte ungebrochen von unten nach oben gehen. Wo jeder einen geistlichen Vater hat und jeder auch die Haltung ausstrahlt: “Ich mache Fehler, und Leute dürfen in mein Leben hineinsprechen“, da entsteht keine “Kaste der Unantastbaren“.

4. Leiterschaft hat nichts mit Unterdrückung zu tun, sondern mit gutem Vorstehen.

Der biblische Begriff “Vorsteher“ drückt aus, was wir als Leiter sind. Das zugrunde liegende griechische Wort ist “proistemi“ und hat im Griechischen drei Dimensionen. Die erste ist: “leiten“, woraus wir das Wort “Vorsteher“ ableiten. Ich stehe jetzt hier vorne, bin quasi so eine Art Vorsteher. Das hat etwas Leitendes, Direktives.
Die zweite Bedeutung im Griechischen lautet “beschützen“. Jemand will dir an den Kragen und ich sage: “Nur über meine Leiche!“ Ich stelle mich vor dich um dir Schutz zu gewähren.
Und drittens: “versorgen“. Vom griechischen Verständnis her beinhaltet “vorstehen“ auch, mit der Aufgabe der Versorgung betraut zu sein. Diesen Gleichklang von “vorstehen“ und “versorgen“ erkennt man sehr gut in 1.Timotheus 3,5: “Wenn aber jemand seinem eigenen Hause nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?“
1.Thessalonicher 5,12 greift diesen Begriff auch auf: “Wir bitten euch aber, ihr Brüder, anerkennet diejenigen, welche an euch arbeiten und euch im Herrn vorstehen und euch ermahnen.“ Hier bittet der Apostel, Leiter anzuerkennen. Anerkennen (“eido“) bedeutet: “wahrnehmen, erkennen, entdecken“. Wir haben einen Auftrag, Leiter in unserem Leben zu identifizieren. “Das ist jemand, der in mein Leben hineingesetzt ist - den will ich wahrnehmen und entdecken.“
Leiten, beschützen und versorgen: Das ist Leiterschaft.

Untertan “als dem Herrn“

Jetzt komme ich zu einem zweiten Hauptpunkt. Ich möchte mal mit euch eine Bibelstelle bedenken, in der es wieder um die Eheordnung geht. Leiterschaftsprinzipien gelten oft übergreifend - natürlich nicht grundsätzlich. Wir dürfen nicht blind etwas aus der Eheordnung auf die Gemeindeordnung übertragen, aber oftmals gelten die Prinzipien hier wie dort. “Die Frauen seien ihren eigenen Männern untertan als dem Herrn“ (Eph 5,22).
Was meint der Apostel, wenn er hier den Frauen sagt, sie sollen ihren eigenen Männern “untertan sein als dem Herrn“? Es gibt zwei Möglichkeiten, das zu verstehen, weil es im Griechischen grammatikalisch offen gelassen wird.
Möglichkeit A: Du ordnest dich so unter, als sei dein Mann Jesus. Aber Möglichkeit B ist: Ich ordne mich unter im Blick auf den Herrn - ich tue es für ihn. Ich ordne mich dir unter, nicht weil ich bei dir die geniale Leiterschaftsbegabung erkenne und dich für fehlerlos halte, sondern in der richtigen Haltung, um Jesu willen. Beides ist hier möglich. Klarheit gibt uns Kolosser 3. Dort sagt Paulus noch einmal dasselbe, aber der Kontext gibt hier mehr Aufschluss darüber, was er meint. Ab Vers 18 heißt es: “Ihr Frauen, seid euren Männern untertan, wie es sich geziemt im Herrn. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie. Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in allen Dingen. Denn das ist dem Herrn wohlgefällig. Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht, damit sie nicht unwillig werden. Ihr Knechte, gehorchet in allen Dingen euren leiblichen Herren. Nicht mit Augendienerei, um den Menschen zu gefallen, sondern in Einfalt des Herzens als solche, die den Herrn fürchten.“ Im Zusammenhang dieser starken Lehre über “Unterordnung“ kommt es: “Was immer ihr tut [ob du jetzt als Kind den Eltern gehorsam bist oder ob du dich nun als Frau dem Manne unterordnest:], das tut von Herzen für den Herrn und nicht für Menschen. Da ihr wisset, dass ihr vom Herrn das Erbe zur Vergeltung empfangen werdet. So dienet dem Herrn Christus.“ Das bedeutet “Unterordnung als dem Herrn“! Paulus kann doch nicht meinen, dass dein Mann den Platz Jesu einnehmen darf in deinem Leben! “Als dem Herrn“ bedeutet: Ich ordne mich unter “als für den Herrn“ - und das wird ja hier in Kolosser ganz klar: Das tut von Herzen “als für den Herrn“ und nicht für Menschen, da ihr wisset, dass ihr vom Herrn zur Vergeltung das Erbe empfangen werdet.

 

Eine Frage des Herzens

Wir haben im Kolosserbrief gelesen: “Was immer ihr tut“ - im Bezug auf Unterordnung - “das tut von Herzen als für den Herrn.“ “Von Herzen unterordnen“ ist anders als mich darunter zu fügen, weil ich es nicht ändern kann. Was ist denn der Unterschied zwischen Unterdrückung und Unterordnung? Wahre Unterordnung geschieht grundsätzlich freiwillig! Ich kann dich nicht unterordnen, ich kann dich nur unterdrücken. Und dazu habe ich kein Recht. Nur du kannst dich unterordnen. Wir müssen uns dazu entscheiden, uns von Herzen unserer Leiterschaft unterzuordnen, sie zu lieben und zu ehren und ihr zu vergeben.
Viele Christen haben ein gebrochenes Verhältnis zur weltlichen Obrigkeit. Das ist schade. Weißt du, dass du deine Steuern mit genauso viel Freude zahlen kannst, wie du deinen Zehnten gibst? In den ersten Versen von Römer 13 steht, dass die Obrigkeit Gottes Dienerin zu deinem Besten ist - nicht nur dein Pastor. Von daher denke ich, dass es wichtig ist, dass wir als Christen auch als Steuerzahler vorbildlich sind und dieser Obrigkeit geben, was ihr gehört.
Leiterschaft in der Gemeinde ist Gottes Ordnung: “Gehorchet euren Führern und folget ihnen. Denn sie wachen über eure Seelen als solche, die Rechenschaft ablegen sollen. Damit sie das mit Freuden tun mögen, und nicht mit Seufzen, denn das wäre euch zum Schaden“ (Hebr 13,17).
Hierbei sind der Bereich der Arbeit in der Gemeinde und mein persönliches Leben zu unterscheiden. In der Gemeinde muss man manchmal einfach nur gehorsam sein. Wenn zum Beispiel zehn Minuten vor Gottesdienstbeginn die Stühle noch zu stellen sind, kann es keine ausführlichen Diskussionen über das “Wie“ mehr geben, sondern jemand entscheidet und alle machen es eben so wie vorgegeben. Was aber mein privates Leben betrifft, da konsultiere ich meine Leiter - aber ich weiß, dass ich mit meiner Entscheidung selbst vor Gott stehe.

Autorität und Unterordnung - Teil II

Es ist nicht gut, dass Menschen nur aufgrund des geistlichen Eindrucks eines Leiters persönliche Entscheidungen treffen. Prophetie ist grundsätzlich zur Bestätigung. Wo Menschen zur Unselbständigkeit erzogen werden, sind wir auf einem ganz schlechten Weg. Es gibt drei bedauernswerte Zustände bezüglich Prophetie in unseren Kreisen.

Missbrauch von Prophetie

Die drei Vokabeln habe ich von Reinhold Ulonska gelernt.
Es gibt einmal die “Prophetokratie“ - da wird mit prophetischen Worten geherrscht, beispielsweise, wer wen zu heiraten hat. Wenn jemand mit irgendeinem Eindruck für mich kommt, dann lege ich diesen Eindruck auf ein inneres Regal. Wenn Gott dann eines Tages das gleiche klar in mein Herz spricht, dann denke ich: “Augenblick mal! Da kam doch mal einer auf mich zu. Da habe ich doch noch einen Eindruck von damals, das ist doch eine Bestätigung!“ In dem Moment wird dieses Wort relevant und nicht einen Moment vorher.
Lasst uns doch nicht so einen unglaublich inflationären Umgang mit den Worten “So spricht der Herr“ führen.
Ich liebe Apostelgeschichte 15 und dieses Konzil, wo sie gestritten und gekämpft haben. Viele von uns harmoniebedürftigen Charismatikern würden sagen: “Das war im Fleisch. Da wurde diskutiert. Sie hätten beten sollen.“ Nein, haben sie nicht. Sie haben sich ordentlich gezofft! Jeder durfte sagen, was Sache war. Am Ende hielt Jakobus einen Vortrag und die Leute sagen: “Ja, das ist es. Das ist die Mitte.“ Da heißt es: “So gefiel es den Aposteln und den Ältesten samt der ganzen Gemeinde.“ Und dann haben sie das schriftlich niedergelegt und schreiben - jetzt schnallt euch an: Es hat uns und dem Heiligen Geist gefallen... Das mag ich. Wo das Gespräch und das Ringen miteinander, das gemeinsame Prüfen am Wort Gottes, die Ergänzung nicht mehr stattfinden darf, da, wo wir nur noch “im Geist“ sind... Da heben wir ab. Das will Gott nicht. Jedes Führen von Menschen in die Unselbständigkeit ist nicht, was die Bibel uns lehrt.
Der zweite Schritt ist die “Prophetomanie“ - die Unfähigkeit, eine verantwortliche Entscheidung zu treffen, ohne von jemandem ein prophetisches Wort empfangen zu haben. Das betrifft in erster Linie private Entscheidungen, die nicht durch die Bibel geklärt sind.
Wenn du zum Beispiel zu mir kommst und sagst: “Du, Uwe, ich denke darüber nach, meine Frau zu verlassen und eine andere zu heiraten. Ich glaube, der Herr hat zu mir gesprochen.“ Da würde ich dir sehr gerne mit viel Autorität was zu sagen, nämlich aufgrund klarer biblischer Befunde über die Heiligkeit der Ehe.
Aber wen du heiratest oder welchen Beruf du ergreifen solltest kann nicht von prophetischen Eindrücken anderer abhängig gemacht werden. Es sind deine Entscheidungen, die du zu treffen und zu verantworten hast.
Den Rat deiner Leiterschaft in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen, ist natürlich sehr empfehlenswert - doch ohne die Entscheidungsverantwortung von dir zu schieben.
Wenn Leute Prophetokratie und Prophetomanie erlebt haben, sind sie so verletzt, dass es zur “Prophetophobie“ kommt und sie aus Angst mit dem ganzen Charismatischen nichts mehr zu tun haben wollen. Da wird dann gar nicht mehr in Erwägung gezogen, dass Gott auch prophetisch reden kann.

Fragen von Schülern:

Hat die bewusste Sünde eines Leiters direkten Einfluss auf dessen Gemeinde? Sind die Gemeindemitglieder dann automatisch anfälliger für dieselbe Sünde?

Ja. Ich weiß von Gemeindeleitern, die über Jahre in einer gewissen Sünde lebten, was dann natürlich auch die Lehre prägt.
Paulus sagt: Die Hände lege niemandem schnell auf, mache dich auch nicht fremder Sünden teilhaftig;“. Hier geht es um die Einsetzung ins Ältestenamt. Wenn ich Älteste vorschnell einsetze - nicht richtig geprüft habe, wo dieser Mann steht und ihm vor der Gemeinde diesen Vertrauensvorschuss gebe, dann mache ich mich fremder Sünden teilhaftig, wenn er diesen Vertrauensvorschuss missbraucht.
Ich denke drittens an die Korintherstelle, wo Paulus über Gemeindezucht lehrt und sagt: Wisset ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Das heißt: Sünde überhaupt in der Gemeinde hat einen stark infektiösen Charakter. Als Leiter übe ich dann mein Wächteramt nicht mehr aus in dem Punkt. Wenn ich z.B. jeden Abend bis zum Sendeschluss Fernsehen gucke, dann werde ich sehr wahrscheinlich in der Gemeinde nicht davor warnen. Wenn ich sehe, dass andere das tun, werde ich sie nicht darauf ansprechen.

“Inwieweit ist es eigentlich Rebellion, wenn wir miteinander über Probleme reden, die wir wahrnehmen?“

Ich habe mir früher oft nicht die Mühe gemacht, in Diskussionen meine eigenen Gedankengebäude zu verlassen, um den anderen zu verstehen.
Es lässt Menschen aufblühen, wenn sie nur verstanden werden, wenn sie wissen: “Ich bin gehört worden“.
Andernfalls werden sie miteinander reden. Und wenn das als Rebellion von der Kanzel bekämpft wird, treibt man Menschen in die Isolation. Ich kann nicht direkt dort reden und sagen, was nicht in Ordnung ist, ich darf auch mit sonst niemandem darüber reden, darf das nur mit dem Herrn ausmachen - ich glaube, dass so etwas mittelfristig krank macht.
Natürlich weiß ich, dass es gerade in unserem deutschen Land eine grundsätzliche antiautoritäre Gesinnung gibt: “Ich lass mir gar nichts sagen“. Mit der Bekehrung ist die nicht sofort weg; wir müssen gelehrt werden, dass wir Leiterschaft brauchen und dass sie zu unserem Schutz, unserer Versorgung, unserer Orientierung gesetzt ist.
In der Gemeinde, wo ich aufgewachsen bin, ist unser Pastor heulend rausgelaufen, weil er einfach lang gemacht wurde. Er wurde nicht als Leiter akzeptiert, er war einfach ein Angestellter. Die Gemeinde hatte die Macht. Das sind die Extreme, und beide Extreme sind zu vermeiden.
In Josua 1,16 sagt das Volk zu Josua: Alles, was du uns geboten hast, wollen wir tun; und wohin immer du uns sendest, dahin wollen wir gehen. Und dann stellen sie eine Bedingung. Wenn nur der Herr, dein Gott, mit dir ist, wie er mit Mose war“. Sie wollen die Bestätigung Gottes auf seiner Leiterschaft sehen. Dieses Recht hatte das Volk offensichtlich.
Josua 3, 7: Und der Herr sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich vor ganz Israel groß zu machen, damit sie wissen, dass, wie ich mit Mose gewesen bin, ich auch mit dir sein werde“. Gott geht darauf ein.

“Wie siehst du Leiterschaft in der Gemeinde
a) ein Team, in dem alle gleichwertig sind (gegenseitige Unterordnung)
b) ein Leiter mit einem unterstützenden Team
c) ein Leiter“

Ich kann mich eigentlich in keinem der drei ganz zu Hause fühlen. a) ist ein Team, in dem alle gleichberechtigt sind, da gibt’s keinen Leiter, die machen das als Team. Oder b) der Pastor, der ein unterstützendes Team hat; er ist der Leiter, er hört mal auf ihren Rat, aber letztendlich entscheidet er alleine. Beide kann ich nicht mittragen und c) schon gar nicht, dass einer das ganz alleine macht. Ich würde eine Lösung zwischen a) und b) wählen.
Ich glaube, dass Gott einen Leiter setzt. Ich halte es aber auch für biblisch, dass dieser Leiter eingebettet ist in ein Leiterschaftsteam. In diesem Leiterschaftsteam ist er “primus inter pares“ - der Erste unter Gleichen.
Leiterschaft bedeutet die Gnade, Herzen zu gewinnen. Überzeugungsarbeit zu leisten und gemeinsam als Älteste vor der Gemeinde zu stehen und zu sagen “So, glauben wir, soll es weitergehen.“
In Apostelgeschichte 20 verabschiedet sich der Apostel Paulus von den Ältesten der Gemeinde in Ephesus. Wir sehen an dieser Stelle, dass er sie gleichrangig als leitendes Gremium der Gemeinde sieht. Er sagt ihnen in Kapitel 20,28 So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welche der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu weiden. Er hat euch zu Aufsehern gesetzt - Plural. Ältestenschaft im Neuen Testament taucht immer plural auf.
Interessant wird es in Offenbarung 2. Auch da geht’s wieder um Ephesus und um die sechs anderen Gemeinden. Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe“. Im Griechischen ist es sehr schwierig, das Wort “Bote“ auszudrücken. Das Griechische hat ja sonst eine Vielfalt an Worten, aber an dem Punkt ist es sehr eng. Es gibt in der Bibel nur zwei Möglichkeiten, einen Boten zu benennen. Das eine ist das Wort “apostolos“, und das ist ja nun mal durch das Amt des Apostels sehr stark besetzt. Wort zwei ist das Wort “angelos“, und das ist bei uns durch das Wort Engel sehr stark besetzt. Im Neuen Testament werden aber auch Menschen “angelos“ genannt. Johannes der Täufer sandte Boten zu Jesus. Man könnte auch übersetzen “er sandte seine Engel zu Jesus“. Der Engel der Gemeinde ist also ganz ohne jeden Zweifel für mich der Leiter der Gemeinde in Ephesus. Er bekommt den Brief zu Händen dieses Leiters. So wissen wir, dass Ephesus sowohl ein starkes, plurales Ältestenteam als auch einen gesetzten Leiter hatte.
In der Urgemeinde in Jerusalem, gab’s da eigentlich einen Leiter? In der Apostelgeschichte haben wir einige ganz klare Hinweise. Es gibt ja die Episode, wo Petrus im Gefängnis sitzt. Er wird ins Gefängnis geworfen, wird befreit, stößt zu den Jüngern und bittet sie: “Meldet dies dem Jakobus und den Brüdern.“ Ist Jakobus kein Bruder?
Auch an anderer Stelle wird das noch einmal so gesagt: Und als wir in Jerusalem angekommen waren, nahmen uns die Brüder mit Freuden auf. Am folgenden Tag aber ging Paulus mit uns zu Jakobus, und alle Ältesten fanden sich ein(Apg 21,17f.). War Jakobus kein Ältester? Er wird immer wieder in dieser Sonderrolle genannt: “Jakobus und die Ältesten“.
Hier haben wir einige Indizien dafür, dass auch die Gemeinde in Jerusalem sowohl eine starke plurale Leiterschaft, als auch einen Leiter hatte.
Ich erlebe das so in meiner Gemeinde. Wir sind Freunde. Keiner steht auf, knallt die Tür und redet nicht mehr mit dem anderen. Aber wir streiten miteinander, wir setzen uns auseinander, sachlich, wir beten. Wir finden Kompromisse, keine faulen Kompromisse, aber gute, göttliche Kompromisse.
Gemeinden spalten sich immer von innen nach außen. Da, wo sich die Gemeinde ihre Leiterschaft nach rein demokratischen Aspekten “zusammenwählt“, hat der Heilige Geist nicht viel Raum. Dort wählen dann die jungen Leute nur junge Leute - Lobbyisten. Die Senioren gucken, dass da möglichst viele über 70 in der Leiterschaft sind - Lobbyisten. Die Frauen in den liberaleren Gemeinden wollen natürlich auch ihre Vertretung - Lobbyisten. Die Ältestenschaft besteht dann aus einer Reihe von Lobbyisten, von denen sich jeder nur für “seine“ Gruppe einsetzt.
Keiner darf Ältester sein, der nicht ein Herz für die ganze Herde hat. Jemand mit einem brennenden Herzen für die Verlorenen, der immer nur darüber redet, darf gerne Diakon sein - ein Arbeitsbereichsleiter, der das Evangelisationsteam leitet. Aber er darf kein Ältester sein. Natürlich haben Älteste Schwerpunkte, aber ihr Anliegen muss der ganzen Gemeinde gelten. Auch der Evangelist wird mit derselben Berufung genannt wie die anderen: “zur Zurüstung der Heiligen zum Werke des Dienstes“.
In so einem Team von Generalisten, von Ältesten, die Acht haben auf die ganze Herde, gibt es einen, der von allen anerkannt ist: Hier hat Gott einen Leiter gesetzt, der ein Sprachrohr der Ältestenschaft ist.
Starke Leiter müssen sehr aufpassen, dass sie sich nicht nur mit “Nick-Augusten“ umringen, die immer nur alles abnicken. Genauso gefährlich sind aber auch “Kopfschüttel-Heinrichs“, die sich als feste Opposition zum Pastor verstehen. Die Freundschaft, die Beziehung zueinander ist so wichtig und das gemeinsame Suchen nach dem Willen Gottes für die Gemeinde.
Wir als Ältestenschaft gehen in Einheit vor die Gemeinde. Ein Ältester wird vor der Gemeinde niemals in wesentlichen Fragen einem anderen widersprechen. Wir sind uns zuerst untereinander eins geworden.
Dann gehen wir übrigens zu den Diakonen, das ist ein erweitertes Leiterschaftsteam, und reden mit ihnen. Jetzt gilt es, noch einmal von vorne anzufangen, um sie zu gewinnen. Und manches Mal gehen wir dann als Älteste zurück und sagen: “Sie haben Recht, wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht.“ Aber wenn die Diakone dann gewonnen sind, dann gehen wir vor die Gemeinde. Und wisst ihr, wie die Gemeinde reagiert? Mit totaler Einheit.
Der, der nicht die Gabe hat, Herzen zu gewinnen, hat meines Erachtens auch keine Leiterschaftsbegabung oder hat nie verstanden, dass er darin wachsen muss und dass Gott ihm das schenken möchte.

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Die diesem Artikel zugrunde liegende Audiobox “Autorität und Unterordnung” kann über den Mediendienst vom Glaubenszentrum Bad Gandersheim bezogen werden

(3 Kassetten, einzeln 9,00/ DM Set 18,00, Best.-Nr. 240 037 00)

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