Hand in Hand - Internationaler christlicher Lehr- und Hilfsdienst
Artikel und Bibelstudien


Ausschnitt aus dem Buch von Martyn Lloyd-Jones

Einig in Wahrheit - Der wahre Weg zur Einheit


Bestätigung im Neuen Testament
DIE URSACHEN FÜR SPALTUNGEN
Wie uns das Neue Testament belehrt, ist es möglich, dass die Einheit auseinander bricht. Was sind die Gründe hierfür? Einmal kann es dann geschehen, wenn man, anstatt auf Christus zu sehen, Menschen in den Mittelpunkt stellt. Dann heißt es wie bei den Korinthern: „Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas ..." Doch Paulus fragt: „Seid ihr in einen dieser Männer getauft? Wurdet ihr nicht in Christus, der droben ist, getauft, und kann etwa Christus zerteilt werden?" (l.Kor 1,10-16). Sobald man seine Augen von ihm abwendet und auf Menschen blickt, setzt man die Einheit aufs Spiel.
Noch gefährlicher sind falsche Lehren. Was ist damit gemeint? Dazu gehört unter anderem die Philosophie oder die „Weisheit der Welt". Wie Paulus in 1. Korinther 1,17.18 sagt, erfüllt ihn die Vorstellung mit Schrecken, das Kreuz Christi könne durch Philosophie zunichte gemacht, in einen Mythos oder eine Idee verkehrt werden.
Er ringt darum, auch um der Einheit willen, dass die Korinther an der nüchternen Wirklichkeit dessen, was geschehen ist, festhielten, dass nämlich „Gott den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht hat" und ihn schlug und niederbeugte „um unserer Sünden willen". Den gleichen Gedanken verfolgt er in Kolosser 2. Hier warnt er vor einer Ersatzphilosophie, eben der menschlichen Weisheit, die die im Evangelium berichteten Tatsachen und deren Bedeutung beiseite schiebt.
Von der gleichen Gefahr spricht Johannes in seinem ersten Brief. „Die Antichristen", sagt er, „sind jene, die die Wirklichkeit der Fleischwerdung und das Werk Christi verneinen." Einige leugneten, dass er tatsächlich einen Leib angenommen habe, und sprachen von einem Phantom-Leib. Oder sie lehnten seine Gottheit ab und wollten in ihm lediglich einen Menschen sehen. Das sind Auffassungen, die Spaltungen verursachen, weil sie mit der Lehre von dem einen Geist, dem einen Herrn und dem einen Vater in Widerspruch geraten.
Andere führen Spaltungen herbei, indem sie in Gesetzeswerke zurückfallen. So kamen Männer und lehrten in den jungen Gemeinden, man müsse sich beschneiden lassen und, über den Glauben an Christus hinaus, auch noch das Gesetz halten. In seinem Brief an die Galater setzt sich Paulus mit dieser Irrlehre auseinander. Das gleiche Thema finden wir im Hebräerbrief. Jenen Christen fehlte das Verständnis dafür, dass Christus völlig ausreicht. Sie waren noch befangen in den alten jüdischen Vorstellungen, konnten sich von ihrem eigenen Tun nicht lösen und gaben damit Anlass zu Uneinigkeit. Diese Anhänger des Judaismus hatte Paulus offensichtlich im Sinn, als er Philipper 3 und 1. Timotheus l schrieb. Auch hier geht es um Menschen, die zurück unter das Gesetz streben und sich bezüglich ihrer Errettung lieber auf endlose Geschlechtsregister und andere Dinge verlassen wollen. Der Apostel aber belehrt sie, dass uns das Gesetz — so gut es ist, wenn es richtig angewandt wird — keinesfalls das Heil vermitteln kann. Weder das Gesetz noch Engel noch irgendeine andere Macht vermögen uns zu erretten. Wir kennen nur die eine Heilsbotschaft: „Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten" (I.Tim 1,15). Etwas anderes zu bringen oder die Botschaft zu verändern, heißt Spaltungen hervorzurufen.
Die gleiche Wirkung hat jeder andere Versuch, Christus und seinem Werk etwas hinzuzufügen. Ging es hierum nicht auf dem Konzil zu Jerusalem, wovon uns Apostelgeschichte 15 berichtet? Doch den Aposteln schien es gut, den Gläubigen keinerlei Gesetzesjoch aufzuerlegen, weil Christus völlig genügt. Auch im Kolosserbrief taucht diese Frage auf, wo der Apostel die Beschäftigung mit Mittlern heftig kritisiert. Die verschiedenen Rangordnungen und Engel, die man sich zwischen Gott und den Menschen vorstellte, sind unnötig und falsch. Er tadelt sie, denn es führt zu Uneinigkeit und ist eine Verleugnung der grundlegenden Glaubenswahrheiten, wodurch der Mensch errettet wird.
Eine dritte Gruppe von Spaltungsursachen schließt alles das ein, was unser Ich verherrlicht anstelle von Christus. So gab es in den Gemeinden Menschen, die sich ihrer Gaben rühmten. Doch es wird ihnen gesagt, dass solches Rühmen den Blick von Jesus Christus und der Wahrheit, wie sie in ihm ist, ablenkt. Das Ich ruft Eifersucht, Rivalität und Streitgespräche hervor, und so wird Christus zerteilt.

LEHRE KANN ERKLÄRT WERDEN
Doch wir wollen unsere Frage im positiven Sinn angehen. Das Neue Testament besteht durchweg auf wahrer und zuverlässiger Lehre. Ich muss das betonen, weil man heute weithin dazu neigt, Lehre abzuwerten und zu übergehen. Stattdessen drängt man auf Zusammenarbeit, auf gemeinsame Gebetsversammlungen und Evangelisationen. „Lehre trennt", heißt es, und so bleibt sie zugunsten der angestrebten Einheit auf der Strecke. Und doch ist nicht daran zu deuteln, dass es ohne Wahrheit und gesunde Lehre keine Einheit gibt, sie wird vielmehr zerstört, und Trennungen sind unvermeidlich.
Als Erstes hebt nun das Neue Testament hervor, dass Lehre erklärt werden kann. Wäre das nicht der Fall, hätte Paulus niemals seinen Brief an die Römer geschrieben. Zu der Zeit, als er ihn schrieb, war er noch verhindert, sie persönlich zu besuchen. So gab er ihnen stattdessen einen schriftlichen Abriss seiner Lehre. Es ist eine umfassende Darstellung der Hauptlehren über die Rechtfertigung, die Versöhnung, die Vereinigung mit Christus, die Gewissheit des Heils und das weiterführende Werk des Heiligen Geistes in den Heiligen. Wir wollen uns wieder an 1. Korinther 3,11 erinnern: „Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist." Diesen Grund hatte der Apostel gelegt: „Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt", einen anderen gibt es nicht. Das ist eine absolute Wahrheit. Warum schreibt er 1. Korinther 15? Einfach deshalb, weil der Glaube oder Unglaube an die leibliche Auferstehung nicht irgendein unwichtiger, nebensächlicher Punkt ist. Sagt er nicht mehr oder weniger: „Wenn es keine Auferstehung gibt, so ist also auch unsere Predigt inhaltslos, inhaltslos aber auch euer Glaube ... so seid ihr noch in euren Sünden"? Trotzdem wird heute in zunehmendem Maße behauptet, es spiele keine Rolle, ob man an die leibliche Auferstehung glaube oder nicht. Der Apostel stellt hingegen fest, dass es ein Absolutum ist, ohne das es kein Evangelium gibt, „ihr seid noch in euren Sünden"! Der gleiche Beweis findet sich in 2. Timotheus 2. Doch nirgendwo wird es wohl so deutlich ausgedrückt, wie im ersten Kapitel des Galaterbriefes. Hier wundert sich Paulus über die Galater, die sich so bald von dem Evangelium, das er ihnen gepredigt hat, abgewandt haben. „Ich wundere mich, dass ihr euch so schnell von dem, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, abwendet zu einem anderen Evangelium, das kein anderes ist ..." (Gal 1,6.7). Wie würde er so etwas sagen, wenn das Evangelium nicht näher erklärt werden könnte?
Doch davon sind wir in unseren Tagen weit entfernt. Man will uns erzählen, der christliche Glaube ließe sich nicht in Lehrsätzen festlegen, es handele sich um etwas Mystisches und Unerklärbares, wo eine Unterscheidung zwischen richtig und falsch nicht möglich sei. Indem man so redet, verurteilt man die Gepflogenheit der frühen Kirche, die sich durch Glaubensbekenntnisse band; ja man leugnet das Neue Testament selbst, das die Wahrheit abgrenzt, sodass ein Abweichen von ihr nicht zu übersehen ist. Denn wie kann ich jemandem vorwerfen, er habe sich von etwas entfernt, wenn ich nicht sagen kann, wovon. Doch die unerlässliche Voraussetzung der genauen Darstellung liegt im Neuen Testament vor uns. Nichts ist so aufschlussreich wie die Gegenüberstellung ökumenischer Konzile der ersten Jahrhunderte mit dem heutigen Weltkirchenrat. Das große Anliegen der Ersteren war die Lehre und die klare Abgrenzung der Lehre von Irrglaube und Irrlehre. Das Hauptkennzeichen des Letzteren ist Gleichgültigkeit in Bezug auf die Lehre und Verherrlichung von Toleranz und Zusammenarbeit.
Doch der Apostel geht noch weiter. Er schreibt den Philippern: „Seid miteinander meine Nachahmer, Brüder!" (Phil 3,17). Er zögert nicht, sie aufzufordern, ihn und seine Lehrweise nachzuahmen. Das ergibt sich aus dem zuvor Gesagten: „Doch wozu wir gelangt sind, zu dem lasst uns auch halten" (V. 16). Sie sollten mit ihm eines Sinnes sein und fortfahren, das Gleiche zu predigen und zu lehren. In 2. Timotheus 2,8 spricht er von „meinem Evangelium". Damit ist gewiss nicht das gemeint, was ich einmal in einer Predigt über diesen Text las: „Die Hauptsache ist, dass du eine Erfahrung gemacht hast, die dir das Recht gibt, von deinem Evangelium zu sprechen. Mag es auch nicht das Evangelium eines anderen sein, so musst du doch wissen: Es ist mein Evangelium." Demnach wäre es das Wichtigste, eine Erfahrung zu haben, wobei der eigentliche Grund der Erfahrung bedeutungslos ist. Nun, wir sind sicher, dass der Apostel hier gerade das Gegenteil sagen will. Er nennt sein Evangelium nicht deshalb das allein wahre Evangelium, weil es ihm gehört oder weil es etwas Besonderes für ihn bewirkt hat, sondern um deswillen, was Gott in Christus getan hat. Er setzt sich in diesem Abschnitt mit falscher Lehre auseinander: „Halte im Gedächtnis Jesus Christus, auferweckt aus den Toten, aus dem Samen Davids, nach meinem Evangelium." Es waren so genannte Lehrer gekommen, die von der Auferstehung behaupteten, sie sei schon geschehen, und zerstörten so den Glauben vieler. „Höre nicht auf sie", sagt er. Das von Paulus gepredigte Evangelium war das allein wahre Evangelium, und jede Lehre, die im Widerspruch dazu stand, war eine Lüge.
Auf diese Weise beschreibt der Apostel nicht nur das Evangelium und sagt, dass es beschrieben werden kann, sondern er sagt auch, dass jedes andere Evangelium falsch ist. Die gleiche Wahrheit finden wir in Hebräer 4,14-16: „Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten" — unser Bekenntnis, das ist der Glaube, den wir in Bezug auf Jesus, den Sohn Gottes haben. Einen unbestimmten, allgemeinen Geist der Gemeinschaft zu pflegen, das wäre für jene hebräischen Christen kein Ausweg aus ihrer Not gewesen, wohl aber galt es, an dem festzuhalten, was sie gelehrt worden waren. Das war vor allem die Lehre von der Person Christi, von seiner Menschwerdung, von Christus, unserem Hohenpriester, der sein eigenes Blut zur Versöhnung für unsere Sünden dargebracht hat; so wie es der Schreiber in den Kapiteln 7-10 erklärt. Das ist der einzige Weg, auf dem wir in „die Ruhe" eingehen können, die Gott für sein Volk vorgesehen hat. Wir müssen die Lehre kennen, an ihr festhalten und jede falsche Lehre verwerfen. Es ist zudem auch der einzige Weg, auf dem wir „mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfingen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe".
Wie wir gesehen haben, wird im gesamten Neuen Testament Nachdruck auf wahre Lehre gelegt; und falsche Lehre wird davon abgegrenzt. Das aber ist nur möglich, weil Lehre beschrieben und festgelegt werden kann. Damit haben wir eine objektive Richtschnur, an der wir uns selbst und andere jederzeit prüfen können.

FALSCHE LEHRE MUSS VERWORFEN WERDEN
Das wird noch klarer, wenn wir beachten, wie falsche Lehre im Neuen Testament bloßgestellt wird, und auf die Sprache hören — insbesondere bei unserem Herrn —, die angesichts falscher Lehre angewandt wird. Natürlich widersetzt sich dem die gesamte öffentliche Meinung heute aufs heftigste. Es belustigt mich festzustellen, welch ein Wert in Buchbesprechungen darauf gelegt wird, dass der Schreiber eine positive Einstellung zeigt. Er darf anderen Anschauungen gegenüber niemals eine kritische Haltung einnehmen, das wäre unchristlich. Es geht um die gute Absicht. Ist sie vorhanden, so wäre es Unrecht, etwas zu kritisieren oder gar zu brandmarken. Im Gegenteil, Anschauungen, die völlig voneinander abweichen, gelten als wertvolle Einsichten auf dem Wege zur Wahrheitsfindung.
Das ist sicher,  mit unserem falschen Verständnis des Neuen Testaments und seiner Lehre kultivieren wir eine gewisse Art von Liebenswürdigkeit und Höflichkeit, die dort nicht gefunden wird, nicht einmal bei dem Herrn Jesus Christus selbst. Lesen wir beispielsweise, was er in Matthäus 7,15-27 sagt. Hier spricht er von den falschen Lehrern und vergleicht sie mit Wölfen in Schafskleidern. Kann man sich noch einen schärferen Tadel vorstellen? Er weist auf Menschen hin, die, obwohl sie die Wahrheit leugnen, doch vorgeben, sie zu predigen. Er warnt uns vor ihnen. Sie sind „falsche Propheten", „falsche Lehrer", sind Menschen, die den Anspruch erheben, ihm zu gehören, und sagen: „Herr, Herr, haben wir nicht dies und das und jenes in deinem Namen getan? Er nennt sie Lügner. Und am Jüngsten Tag wird er ihnen antworten: „Ich habe euch niemals gekannt." Niemals haben sie zu den Seinen gezählt. Eine strengere Ausdrucksweise kann man sich nicht vorstellen.
Oder hören wir seine Rede in Matthäus 24,24-26. Es sind überaus wichtige Worte für alle, die ihm nachfolgen wollen: „Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen. Siehe, ich habe es euch vorhergesagt. Wenn sie nun zu euch sagen: Siehe, er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus. Siehe, in den Gemächern!, so glaubt es nicht!" Auch hier warnt er uns in einer sehr ernsten Sprache vor falschen und betrügerischen Lehrern.
Das Gleiche sahen wir bereits in Epheser 4. Erfüllt mit dem Geist der Liebe, sagt der große Apostel: „Lasst uns die Wahrheit bekennen in Liebe!" Wie es gemeint ist, zeigt er im vorangehenden Vers: „Wir sollen nicht mehr Unmündige sein, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch die Betrügerei der Menschen, durch ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum." Das versteht er unter dem Aussprechen der Wahrheit in Liebe. Die Bezichtigung falscher Lehrer innerhalb der Gemeinde gehört mit dazu. Unzweideutig sagt er, welcher Art diese Menschen sind und was sie tun. Es sind Raubtiere, die auf der Lauer liegen, um andere irrezuführen. Die Wahrheit in Liebe bekennen, das schließt also eine Kennzeichnung des Irrtums und alles dessen, was den Kindlein in Christus schaden könnte, mit ein.
Eine noch kraftvollere Sprache wendet der Apostel bei seiner Abschiedsrede vor den Ältesten der Gemeinde in Ephesus an: „Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines eigenen Sohnes. Ich weiß, dass nach meinem Abschied grausame Wölfe zu euch hereinkommen werden, welche die Herde nicht verschonen. Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her. Darum wacht und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört habe, einen jeden unter Tränen zu ermahnen" (Apg 20,28-31). Das ist unmissverständlich: Wölfe, grausame Wölfe. In 2. Korinther 11,13-15 nennt er sie falsche Apostel und vergleicht sie mit dem Teufel, der selbst die Gestalt eines Engels des Lichtes annimmt. Und in Galater 1,8 schreibt er: „Wenn aber auch wir oder ein Engel aus dem Himmel euch etwas als Evangelium entgegen dem verkündigten, was wir euch als Evangelium verkündet haben: er sei verflucht!"
All das gehört zu unserem Leitsatz: Die Liebe in Wahrheit bekennen. Warum wird diese Sprache heute als eines Christen unwürdig abgelehnt? Weil man der Ansicht ist, die Wahrheit könne nicht definiert werden. An ihre Stelle ist ein saft- und kraftloser Begriff von Einheit und Gemeinschaft gerückt. In Philipper 3,18.19 schreibt der Apostel: „Denn viele wandeln, von denen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch mit Weinen sage, dass sie die Feinde des Kreuzes Christi sind: deren Ende Verderben, deren Gott der Bauch und deren Ehre in ihrer Schande ist, die auf das Irdische sinnen." Solche Menschen traten in den Gemeinden auf und stellten sich als Lehrer der Wahrheit vor. Aber der Apostel zögert nicht, sie als Feinde des Kreuzes Christi zu bezeichnen. Warum? Weil sie in gewissen Punkten von der Wahrheit abwichen.
Wir müssen die Wahrheit in Liebe sagen, damit die Kinder im Glauben vor verderblichem Einfluss geschützt werden. Die Ausdrucksweise zur Kennzeichnung der falschen Lehre ist außerordentlich offen und vielfältig. Paulus spricht von Philosophie und leerem Betrug, von Überlieferung der Menschen, unheiligem, leerem Geschwätz, von Worten, die wie Krebs um sich fressen. Auch der Apostel Petrus wendet die gleiche Sprache an und nennt die Menschen Brunnen ohne Wasser. Sie erwecken den Eindruck, etwas Besonderes zu besitzen, aber in Wirklichkeit haben sie nichts. Was ist der Inhalt ihres Evangeliums? Was verstehen sie unter der Liebe, von der sie so wortgewandt reden? Welcher Art ist ihr Heil? Was ist der Sinn ihrer Worte?
Übersehen wir auch nicht den Hinweis des Judas und die warnende Sprache unseres Herrn in den Sendschreiben (Offb 2-3). Das Neue Testament redet von Menschen, denen Gott eine wirksame Kraft des Irrglaubens sendet, dass sie der Lüge glauben. Die falschen Propheten werden Hunde genannt und sind solche, die Verderben bringende Parteiungen heimlich einführen. Sie sind Lügner, und es ist gefährlich, ihnen zu folgen. Die falsche Lehre gleicht einem Krebs, der alle lebensnotwendigen Organe zerstört. Das ist neutestamentliche Lehre. Und doch wird das alles heute als eine Verleugnung des Geistes Christi, des Geistes der Liebe und der Gemeinschaft verworfen.
Die moderne Vorstellung von der Einheit hat sich so weit von der des Neuen Testaments entfernt, dass sie jegliche Auseinandersetzung mit der Wahrheit in ihrer Verkündigung
meidet. Wir dürfen, wie gesagt, niemals negativ, wir müssen immer positiv sein. Der Mann wird heute anerkannt, der von sich sagt: „Ich bin nicht rechthaberisch, ich bin nur ein einfacher Prediger des Evangeliums." Mancher Evangelist oder auch andere Evangelikaie werden von den Vertretern liberaler Auffassungen gepriesen, weil sie jeder Auseinandersetzung ausweichen. Das wird bewundert, und jedes gegenteilige Verhalten gilt als Verleugnung des christlichen Geistes. Nur ja nicht kritisieren! Seien wir immer höflich und freundlich! Gewiss sollen wir immer höflich und freundlich sein; wir sollen immer „die Wahrheit in Liebe bekennen". Aber wir müssen immer „die Wahrheit in Liebe bekennen" und im Geiste des Neuen Testaments „für den Glauben kämpfen". Wir sind aufgefordert, Irrtum aufzudecken und beim Namen zu nennen und nicht nur menschengefällig zu sein. Wie wir soeben gesehen haben, ist das Neue Testament voll davon.
Nicht anders war es während der Reformation und der Erweckungszeiten und immer dann, wenn die Menschen zur Wahrheit des Neuen Testaments zurückkehrten. Falsche Lehre wurde entlarvt, aufgedeckt und gebrandmarkt. Und ebenso war es zur Zeit der Puritaner. In unseren Tagen, in denen Höflichkeit, Freundlichkeit und Gemeinschaft über alles und auf Kosten der Wahrheit geht, wollen wir uns daran erinnern lassen, dass die neutestamentlichen Lehrer und Gläubigen nicht ermahnt wurden, um der Einheit und Gemeinschaft willen allem zuzustimmen. Ihnen wurde vielmehr gesagt: „Wachet, steht fest im Glauben; seid mannhaft, seid stark! Alles geschehe bei euch in Liebe!" (l.Kor 16,13). Wir sollen mannhaft und stark sein. Wir sollen feststehen in dem Glauben, den wir empfangen haben, sollen wissen, dass wir ein Fundament unter den Füßen haben; und wir müssen dieses Fundament kennen. Wir sollen nicht auf Wolken daherfahren, nicht in Luftschlössern wohnen, sondern feststehen auf einem tragfähigen, erkenn- und erklärbaren Grund. Wir werden ermahnt, ernsthaft für den uns überlieferten Glauben zu kämpfen. Im zweiten Johannesbrief wird uns geboten, falsche Lehrer weder ins Haus aufzunehmen, noch sie zu grüßen, damit wir nicht an ihren bösen Werken teilnehmen (V. 10.11). In 2. Thessalonicher 2,15 schreibt der Apostel an die jungen Christen im Glauben: „Also nun, Brüder, steht fest und haltet die Überlieferungen, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch Wort oder durch unseren Brief!" Überlieferungen, gelehrt durch Wort und Brief! Es handelt sich also um etwas Beschreib- und Erklärbares, um etwas Konkretes und Klares, das nicht missverstanden werden kann. Und so sollen auch wir mit aller Kraft und Energie ernstlich dafür kämpfen.
In Titus 3,10.11 fasst der Apostel das alles in einer äußerst wichtigen Feststellung zusammen: „Einen sektiererischen Menschen weise nach einer ein- und zweimaligen Zurechtweisung ab, da du weißt, dass ein solcher verkehrt ist und sündigt und durch sich selbst verurteilt ist." Somit sollen wir nicht nett und freundlich zu ihm sein. Wenn er nach der ersten und zweiten Zurechtweisung darin beharrt, ein Sektierer zu sein, müssen wir ihn abweisen und ausschließen, weil er eine Gefahr für die Gemeinde bedeutet. Das wird unmissverständlich im gesamten Neuen Testament gelehrt und es ist unvermeidlich im Blick auf die Eigenart der Heilswahrheit und der Einheit. Gewiss ist das alles weit entfernt von der heute herrschenden Auffassung. In unseren Tagen werden Männer geduldet, die die klare Lehre bezüglich der Person und des Werkes unseres Herrn leugnen. Sie werden als hervorragende Christen gerühmt und der Jugend als nachahmenswertes Beispiel hingestellt.


Martyn Lloyd-Jones
Einig in Wahrheit
Der wahre Weg zur Einheit

Taschenbuch, 96 Seiten, 3L Verlag, 4,95 €

Über den Autor:  Einflußreicher Prediger in England, 1899 -1981

Für D. Martyn Lloyd-Jones war das intensive Studium der biblischen Lehren der Schlüssel zur Erkenntnis:
„Letztendlich ist dies die einzige Möglichkeit, Gott wirklich kennen zu lernen, in seine herrliche Gegenwart zu treten und etwas über seine wunderbaren Wege mit uns zu lernen.“


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